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Lebensberatung

Muss ich meinen Job lieben – oder reicht es, wenn er mich ernährt?

Profilbild von Christian Knoll
Christian Knoll
Begleiter:in bei Palmeum
27. Oktober 20269 Min Lesezeit
Themen
  • Beruf & Karriere
  • Entscheidungen & Zukunft
  • Veränderung & Neuanfang
  • Selbstfindung & Persönlichkeit

Über die große Liebe zur Arbeit, das Recht auf einen Feierabend und die Frage, wie viel Sinn ein Beruf eigentlich stiften muss.

"Liebe was du tust und du musst nie wieder arbeiten!"

Ein schöner Gedanke. Und möglicherweise einer der problematischsten Ratschläge, die wir Menschen in unserer Arbeitswelt mitgeben. Denn was passiert eigentlich, wenn wir unsere Leidenschaft nicht finden? Wenn unsere Arbeit ganz ordentlich ist, aber eben nicht unser Lebenstraum? Wenn wir morgens aufstehen, zur Arbeit fahren, unsere Aufgaben zuverlässig erledigen und uns am meisten auf den Feierabend freuen? Haben wir dann etwas falsch gemacht? Ich glaube nicht.

Vielleicht haben wir nur vergessen, dass Arbeit zunächst einmal einen ziemlich handfesten Zweck erfüllt: Wir tauschen einen Teil unserer Lebenszeit und unserer Fähigkeiten gegen Geld. Geld, mit dem wir wohnen, essen, unsere Kinder versorgen, unseren Interessen nachgehen und ein Leben gestalten können. Das ist weder verwerflich noch besonders romantisch. Es ist zunächst einmal ein ehrlicher Tausch. Und vielleicht sollten wir genau dort anfangen.

Wann wurde aus Arbeit eine Liebesbeziehung?

Wer heute Stellenanzeigen liest, könnte gelegentlich den Eindruck gewinnen, Unternehmen suchten keine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehr, sondern Menschen, die sich verlieben möchten. Gesucht werden leidenschaftliche Persönlichkeiten, die für eine Mission brennen, sich mit einer Vision identifizieren und mit Begeisterung die Extrameile gehen.

Natürlich darf Arbeit begeistern. Ich kenne das selbst. Es gibt Aufgaben, in denen wir aufgehen, Menschen, mit denen die Zusammenarbeit Freude macht, und Momente, in denen wir etwas schaffen und anschließend mit berechtigtem Stolz darauf blicken. Aber müssen wir deshalb brennen?

Ich finde die Wortwahl interessant. Wer brennt, verbraucht etwas. Und wer dauerhaft brennt, braucht ständig neuen Brennstoff. Manchmal habe ich den Eindruck, wir haben aus einer durchaus vernünftigen Erwartung an Arbeit – sie soll unseren Lebensunterhalt sichern und möglichst erträglich sein – einen umfassenden Anspruch an persönliche Selbstverwirklichung gemacht.

Dabei ist es keineswegs selbstverständlich, dass ein einzelner Lebensbereich all das leisten kann, was wir heute von unserem Beruf erwarten: Einkommen, Sicherheit, Anerkennung, Zugehörigkeit, Entwicklung, Identität, gesellschaftliche Bedeutung und persönliche Erfüllung. Das ist eine ziemlich lange Wunschliste für einen Arbeitsvertrag.

Ein guter Job darf einfach ein guter Job sein

Stellen wir uns jemanden vor, der in einem Lager arbeitet. Die Aufgaben sind überschaubar. Das Gehalt ist ordentlich, die Arbeitszeiten sind verlässlich, die Kolleginnen und Kollegen sind in Ordnung. Nach Feierabend geht dieser Mensch nach Hause, verbringt Zeit mit seiner Familie, spielt in einer Band, repariert alte Motorräder oder sitzt einfach zufrieden im Garten. Er träumt nicht von einer Karriere in der Lagerlogistik. Er liest abends keine Fachbücher über die Optimierung von Warenströmen. Und er würde vermutlich nicht mehr arbeiten, wenn er morgen im Lotto gewänne. Ist dieser Mensch beruflich gescheitert?

Oder hat er möglicherweise etwas verstanden, das andere erst nach vielen Jahren mühsam lernen: Dass ein Beruf ein wichtiger Teil des Lebens sein kann, ohne sein Mittelpunkt sein zu müssen. Wir sollten vorsichtig sein, Menschen danach zu beurteilen, wie stark sie sich mit ihrer Arbeit identifizieren.

Nicht jeder möchte Karriere machen. Nicht jeder sucht berufliche Herausforderungen. Manche möchten Sicherheit, andere Freiheit. Manche brauchen Anerkennung durch Leistung, andere finden ihre Erfüllung in ihrer Familie, ihrem Ehrenamt oder ihren Hobbys. Und all das darf sich im Laufe eines Lebens verändern.

Was mit 25 richtig war, muss mit 45 nicht mehr passen. Und mit 60 können wieder ganz andere Dinge wichtig werden. Ein Lebensentwurf ist keine Verpflichtung auf Lebenszeit.

Das Problem beginnt nicht dort, wo die Liebe fehlt

Ich möchte an dieser Stelle allerdings einem möglichen Missverständnis vorbeugen. Aus der Feststellung, dass wir unsere Arbeit nicht lieben müssen, folgt keineswegs, dass es gleichgültig ist, unter welchen Bedingungen wir arbeiten. Zwischen „Ich liebe meinen Job nicht“ und „Meine Arbeit macht mich kaputt“ liegt ein gewaltiger Unterschied.

Menschen können mit einer wenig aufregenden Tätigkeit sehr zufrieden leben. Sie können aber auch an einer Aufgabe zerbrechen, die sie ursprünglich aus tiefster Überzeugung übernommen haben. Gerade Menschen, denen ihre Arbeit besonders wichtig ist, können Schwierigkeiten bekommen, Grenzen zu ziehen. Sie fühlen sich verantwortlich, springen ein, übernehmen zusätzliche Aufgaben und halten manchmal noch durch, wenn längst etwas verändert werden müsste. Wer seine Arbeit liebt, ist nicht automatisch vor Überlastung geschützt. Und wer sie nicht liebt, ist nicht automatisch unmotiviert. Das klingt selbstverständlich. In der Praxis wird beides erstaunlich häufig verwechselt.

Was Menschen bei der Arbeit tatsächlich brauchen

Die psychologische Forschung beschäftigt sich seit Jahrzehnten damit, was Menschen motiviert und unter welchen Bedingungen sie sich bei der Arbeit wohlfühlen. Ein hilfreicher Ansatz ist die Selbstbestimmungstheorie von Edward Deci und Richard Ryan. Sie beschreibt drei grundlegende psychologische Bedürfnisse:

Autonomie: Ich erlebe, dass ich Einfluss darauf habe, was ich tue und wie ich es tue.

Kompetenz: Ich kann meine Fähigkeiten einsetzen, etwas bewirken und mich als wirksam erleben.

Soziale Eingebundenheit: Ich gehöre dazu, werde respektiert und erlebe tragfähige Beziehungen.

Diese Bedürfnisse hängen mit Motivation, Wohlbefinden und Arbeitszufriedenheit zusammen. Sie verlangen aber keineswegs, dass jeder Mensch seinen Beruf als persönliche Berufung betrachten muss.

Ein Mensch kann eine Tätigkeit als sinnvoll und akzeptabel erleben, weil sie ihm Sicherheit gibt, er seine Aufgaben beherrscht und mit anständigen Menschen zusammenarbeitet.

Das klingt weniger spektakulär als „Follow your passion“. Vielleicht ist es aber die solidere Grundlage für ein gutes Arbeitsleben.

Und was ist mit dem Sinn?

Jetzt könnte man einwenden: Aber wir verbringen doch einen erheblichen Teil unseres Lebens mit Arbeit. Wäre es nicht traurig, darin keinen Sinn zu finden?

Natürlich ist es schön, wenn wir unsere Tätigkeit als sinnvoll erleben. Nur sollten wir genauer hinschauen, was wir mit Sinn eigentlich meinen. Für die eine Person bedeutet Sinn, Menschen zu helfen. Für eine andere, etwas zu erschaffen. Eine dritte möchte Probleme lösen, Verantwortung übernehmen oder Teil eines größeren Ganzen sein. Und für jemanden kann der Sinn der Arbeit schlicht darin liegen, mit dem verdienten Geld seiner Familie ein gutes Leben zu ermöglichen. Ist das weniger wertvoll? Ich finde nicht.

Vielleicht liegt der Sinn einer Tätigkeit manchmal außerhalb der Tätigkeit selbst. Der Mensch, der morgens Brötchen ausliefert, muss darin keine höhere Berufung erkennen. Vielleicht möchte er vor allem seinen Kindern ein Zuhause bieten. Oder Geld verdienen, um mit seiner Partnerin reisen zu können. Wer entscheidet eigentlich, welche dieser Motivationen wertvoll genug ist?

Nicht jede Arbeit muss das Leben erfüllen. Manchmal ermöglicht sie uns, ein erfülltes Leben zu führen.

Das ist ein Unterschied, über den es sich nachzudenken lohnt.

Die gefährliche Seite der Leidenschaft

Hier wird das Thema auch für Führungskräfte interessant. In meiner Arbeit mit Teams und Führungskräften begegnet mir immer wieder die Frage, wie Menschen zu mehr Engagement und Leistungsbereitschaft motiviert werden können. Eine berechtigte Frage.

Aber ich halte es für problematisch, wenn Unternehmen emotionale Identifikation zur selbstverständlichen Voraussetzung guter Arbeit erklären.

Wer sich mit einer Organisation identifiziert, kann mit großer Freude Verantwortung übernehmen. Daraus entstehen oft bemerkenswerte Leistungen. Doch Identifikation darf nicht zur stillschweigenden Verpflichtung werden. Wenn jemand pünktlich Feierabend macht, bedeutet das nicht, dass ihm das Unternehmen gleichgültig ist.

Wenn jemand keine Führungsposition anstrebt, fehlt ihm nicht zwangsläufig Ehrgeiz. Und wer eine zusätzliche Aufgabe ablehnt, ist deshalb noch lange kein schlechter Teamplayer. Gerade Führungskräfte sollten sich fragen, ob sie tatsächlich Leistung erwarten oder manchmal eher den Beweis emotionaler Verbundenheit.

Denn das sind zwei unterschiedliche Dinge. Ein Arbeitsvertrag begründet gegenseitige Verpflichtungen. Er ist kein Liebesversprechen. Unternehmen dürfen gute Arbeit erwarten. Beschäftigte dürfen angemessene Bezahlung, verlässliche Rahmenbedingungen und respektvolle Behandlung erwarten. Beides sollte nicht davon abhängen, wie überzeugend jemand seine Begeisterung vorträgt.

Die andere Falle: „Ich mache das doch nur wegen des Geldes“

So legitim es ist, in erster Linie für den Lebensunterhalt zu arbeiten, so wichtig ist die Frage nach dem Preis, den wir dafür bezahlen. Denn auch das höre ich gelegentlich: „Ist doch nur ein Job.“

Manchmal ist das ein gesunder Ausdruck von Distanz. Manchmal aber auch ein Satz, mit dem Menschen ihre eigene Unzufriedenheit herunterspielen. Vielleicht lohnt es sich, genauer hinzusehen. Bin ich nach der Arbeit müde, weil ich etwas geleistet habe? Oder erschöpft, weil ich mich jeden Tag überwinden muss?

Kann ich nach Feierabend abschalten? Oder nehme ich Konflikte, Ärger und Sorgen regelmäßig mit nach Hause? Werde ich respektiert? Habe ich Einfluss auf meine Arbeit? Kann ich meine Fähigkeiten nutzen?

Und vor allem: Ist der Preis, den ich mit meiner Lebenszeit, meiner Gesundheit und meinen Beziehungen bezahle, für mich noch angemessen?

Dabei sollten wir eines nicht vergessen: Nicht jeder Mensch kann einfach kündigen. Wer eine Familie ernährt, Schulden abbezahlt oder in einer Region mit wenigen beruflichen Alternativen lebt, trifft Entscheidungen unter anderen Bedingungen als jemand mit einem finanziellen Polster und hervorragenden Arbeitsmarktchancen.

Es wäre ziemlich bequem, diesen Menschen zu erklären, sie müssten sich eben nur trauen, ihrer Leidenschaft zu folgen. Gute Beratung muss die tatsächlichen Lebensbedingungen ernst nehmen.

Nicht jeder Wunsch lässt sich sofort verwirklichen. Aber häufig lassen sich Spielräume entdecken, Belastungen verändern oder Perspektiven entwickeln.

Vielleicht stellen wir die falsche Frage

„Muss ich meinen Job lieben?“

Die Frage klingt zunächst ganz einfach. Aber ich würde sie in einem Coaching wahrscheinlich nicht sofort beantworten. Mich würde interessieren, was dahintersteckt.

Warum beschäftigt dich diese Frage gerade jetzt?

Hat jemand dir vermittelt, du müsstest begeisterter sein? Vergleichst du dich mit Menschen, die scheinbar ihre Berufung gefunden haben? Oder spürst du selbst, dass in deinem Arbeitsleben etwas fehlt?

Und was genau fehlt?

Freude? Anerkennung? Entwicklung? Sicherheit? Zeit? Geld? Ruhe?

Vielleicht geht es gar nicht um Liebe. Vielleicht geht es um eine enttäuschte Erwartung. Um eine belastende Führungskraft. Um einen Beruf, der einmal gut gepasst hat, aber nicht mehr zum heutigen Leben passt.

Oder um das Gefühl, seine Fähigkeiten nicht wirklich einsetzen zu können. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob jemand seine Arbeit nicht liebt oder ob er unter ihr leidet. Und noch einen Unterschied, ob jemand etwas verändern möchte oder nur glaubt, etwas verändern zu müssen. Das sollten wir auseinanderhalten.

Fünf Fragen, die wichtiger sein könnten als die große Liebe zum Job

Wenn du gerade über deine berufliche Situation nachdenkst, lade ich dich zu einem kleinen Experiment ein.

Versuche, diese Fragen möglichst ohne die Erwartungen anderer Menschen zu beantworten.

  1. Was ermöglicht mir meine Arbeit? Nicht nur finanziell, sondern auch im Hinblick auf Sicherheit, Freiheit, Beziehungen und Lebensgestaltung.

  2. Was kostet mich meine Arbeit? Zeit und Energie natürlich. Aber vielleicht auch Gesundheit, Zufriedenheit oder Möglichkeiten, die mir wichtig sind.

  3. Was müsste sich verändern, damit mein Arbeitsleben besser zu mir passt? Wäre es wirklich ein neuer Beruf? Oder zunächst eine andere Aufgabe, weniger Stunden, eine bessere Führung oder mehr Gestaltungsspielraum?

  4. Wessen Erwartungen versuche ich eigentlich zu erfüllen? Meine eigenen? Die meiner Familie? Die meiner Führungskraft? Oder ein gesellschaftliches Ideal von Erfolg und Selbstverwirklichung?

  5. Wenn ich meinen Beruf nicht lieben müsste – was würde ich dann von ihm erwarten?

Vielleicht ist gerade die letzte Frage interessant.

Denn sie erlaubt uns, die Arbeit einmal von dem großen Anspruch zu befreien, uns glücklich machen zu müssen.

Und dann zu überlegen, was wir tatsächlich brauchen.

Ein gutes Leben ist größer als ein guter Beruf

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Ich finde es großartig, wenn Menschen eine Tätigkeit finden, für die sie sich begeistern.

Wenn Arbeit Freude macht, Entwicklung ermöglicht und als sinnvoll erlebt wird, ist das ein großes Geschenk.

Nur ist es eben keine Voraussetzung für ein gelungenes Leben.

Vielleicht sollten wir weniger darüber sprechen, ob jemand seinen Job liebt, und häufiger darüber, ob sein Arbeitsleben zu seinen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Lebensumständen passt.

Ob er sich respektiert fühlt.

Ob die Arbeit ihn wirtschaftlich trägt.

Ob sie ihm Raum lässt für die Menschen und Dinge, die ihm wichtig sind.

Und ob das Verhältnis zwischen dem, was er investiert, und dem, was er zurückbekommt, für ihn stimmt.

Denn am Ende geht es nicht darum, aus jedem Menschen einen leidenschaftlichen Mitarbeiter zu machen.

Es geht darum, Menschen zu ermöglichen, ein Leben zu gestalten, das sie selbst als gut und richtig erleben.

Du musst deinen Job nicht lieben. Aber du solltest mit dem Leben, das du mit ihm führst, möglichst gut leben können.

Und wenn das nicht mehr gelingt, lohnt es sich, darüber zu sprechen.

Nicht, weil du unbedingt deine Berufung finden musst.

Sondern weil deine Lebenszeit mehr ist als die Zeit zwischen zwei Gehaltsabrechnungen.

Ein Gedanke zum Mitnehmen

Vielleicht ist nicht die wichtigste Frage, ob du deinen Beruf liebst. Sondern ob dein Beruf dir noch genügend Raum lässt für das, was du liebst.

Du möchtest deine berufliche Situation sortieren, eine Entscheidung vorbereiten oder herausfinden, was sich verändern sollte? Im Coaching suchen wir nicht nach vorgefertigten Antworten, sondern nach einer Perspektive, die zu dir und deinem Leben passt.

#Beruf#Arbeit#Erfüllung#Sinn

Du möchtest mehr über Christian Knoll erfahren oder dich ein Stück deines Weges begleiten lassen? Hier erfährst du mehr.

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